Am 31.07.2003 hielt der Ortsheimatpfleger Alfons Jochmaring im Rahmen der kirchlichen eröffnung des Annentages 2003 folgenden Vortrag über die Bedeutung und den Ursprung der Annenverehrung:

Zunächst zur Person der Anna im Allgemeinen:
Anna ist die Mutter der hl. Maria und somit die Großmutter Jesu.
Mutter AnnaIn der heiligen Schrift wird ihrer nicht gedacht, sonders in dem sogenannten Protoevangelium des Jakobus aus dem 2. Jahrhundert. Hier wird ausführlich über die Herkunft Mariens, der Gottesmutter, erzählt. Als Vorbild für die Anna-Legende wird die alttestamentarische, zunächst unfruchtbare Hanna angesehen.
Nach den im 2. Jahrhundert entstandenen Legenden sei Anna in Bethlehem geboren, ihre Schwester Lobe sei Mutter der Elisabeth gewesen, welche den hl. Johannes den Täufer gebar. Elisabeth ist somit die Base von Maria. Nach langer Kinderlosigkeit hätten Joachim und Anna mit Gottes Segen endlich Kindersegen erhalten. Wie ist ihr Leben verlaufen?
Nach einer mittelalterlichen Legende soll Anna nacheinander 3 Männer gehabt haben.  1. Joachim, 2. Cleophas und 3. Salomas.

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Der Gebetszettel „Annentag in Brakel 2003" zeigt diese 3 Personen. Unten im Bild ist die Darstellung Anna Selbdritt. (Selbdritt bedeutet selbst zu dritt, in der bildlichen Darstellung heißt das, dass Mutter Anna zusammen mit Maria und Jesus dargestellt ist). Von dem dreiteiligen spätgotischen Sippenaltar in Gehrden sind aber nur noch 2 Teile vorhanden.

 

 

Nach der Legende vom Trinubium (drei Ehen) der Mutter Anna ist:
1. Die Hl. Maria (Gottesmutter) Tochter von Joachim + Anna. Sohn: Jesus
2. Maria Cleophae Tochter von Cleophas + Anna. Söhne sind: 1. Jakobus der Jüngere. 2. Judas Thaddäus. 3. Simon. 4. Barnabas.
3. Maria Salomae Tochter von Salomas + Anna. Söhne sind: 1. Jakobus der Ältere (an der Pilgermuschel zu erkennen). 2. Johannes der Lieblingsjünger.
Auch diese Darstellung ist noch in Gehrden vorhanden. Außerdem finden wir die Salomae auch in der Kirche zu Höxter-Ovenhausen wieder, diese ist der Salomae geweiht. Salomae ist zu erkennen an einem Salbgefäß das sie trägt, da sie den Leichnam Jesu salben wollte. Sie war auch bei der Kreuzigung Jesu anwesend.
Somit sind 4 der Enkelkinder Annas Apostel gewesen. Jakobus der Jüngere, Judas Thaddäus, Jakobus der Ältere und Johannes der Lieblingsjünger. 7 Enkelkinder sind es insgesamt.
Diese Geschichte um die hl. Anna, die nacheinander drei Männer gehabt hatte, gibt die Erklärung dafür, warum sie zur Helferin bei der Suche nach einem Mann geworden ist. Die Brüder Grimm mit dem Märchen vom Mäken von Brakel geben ein Beispiel dafür. Die weit verzweigte Familie Annas, der Sippe Christi, entsprach dem bürgerlichen Familiengefühl des späten Mittelalters.

Reliquie Annas:
Der heilige Leib der Mutter Anna wird 710 aus dem Tale Josaphat, wo er neben dem hl. Joachim gelegen hat, nach Konstantinopel gebracht. Reliquien werden im Laufe der Zeit auch in Rom, Wien, Annaberg (Erzgebirge) und Düren verehrt.
In der Pfarrkirche von Düren, zwischen Köln und Aachen, befindet sich das sogenannte Annahaupt, ein Schädelteilstück. (Auch in Chartres ist ein Schädelteilstück). Ein Steinmetz aus Kornelimünster bei Aachen hatte 1501 während seiner Arbeiten an der Mainzer Stiftskirche die Reliquie entwendet. Auf Drängen seiner Mutter, die Reliquie zurück bringen, gab er sie schließlich der Pfarrkirche in Düren. Dort wurde sie sehr bald von Frauen innig verehrt. Die Mainzer drängten die Reliquie zurückzuerhalten. Es blieb zwecklos. Der Papst hat schließlich den Verbleib in Düren 1506 absegnet.

Namenstag Anna:
Die Feier des Annenfestes ist im Jahre 1510 für den 16. August angeordnet worden.
Nach Verminderung der katholischen Feiertage liegt die äußere Feier des Annenfestes auf dem ersten Sonntag im August fest. Namenstag Anna und Joachim ist der 26. Juli. So wird es auch noch heute in Brakel und woanders begangen.
Die älteste nachweisbare Trägerin des Vornamens Anna in Brakel ist um 1499 die Frau des Bürgermeisters Engelhard Wippermann, deren Sohn Engelbert erster Inhaber des Annenaltars ist. Heute ist der wohlklingende Vorname wieder beliebt. Als Beispiel sei hier die jetzige Inhaberin der Brüder Grimm Märchenperson Änneken bzw. Mäken von Brakel.

Allgemeine Geschichte der Annenverehrung in der ganzen Welt und im Speziellen in Brakel in einem zeitlichen Ablauf:
550: Kaiser Justinian lässt im oströmischen Reich eine Anna-Kirche errichten. Der Beginn der Verehrung im griechisch-katholischen Bereich.
8.Jhd.: Der byzantinische Theologe Johannes Damascenus (670-753) fördert die Verehrung.
1378: Urban VI. gestattet England den Annenkult. Die Heilige gilt als Patronin des Handelns.
Vor 1484: Papst Sixtus IV. führt die Annenverehrung in der ganzen Kirche ein.
Die Karmeliter und Kapuziner fördern die Verehrung Annas mit der aufkommenden wachsenden Marienverehrung. Es breitet sich ein Annenkult aus. Durch die Reformation wurde der Anstieg der Annenverehrung gebremst. In Deutschland sind über 100 kleine und große Wallfahrtsorte zu Ehren der hl. Anna zu nennen.
1498: Ersterwähnung des Annentags in Brakel. Die älteste Nachricht über den Annentag als einen hervorgehobenen Feiertag – damals noch der 16. August - stammt aus dem alten Rats- und Bürgerbuch der Stadt. In ihm findet sich zum 23. Juli 1498 ein Vermerk, dass am Annentag eine Hochmesse zu lesen ist, wofür der Pastor 20 rheinische Goldgulden erhält.
Diese Ersterwähnung solch eines Ereignisses lässt vermuten das der Annentag schon einige Jahre begangen wurde. Eine Rückdatierung des Annentages auf den 16.08.1481 anlässlich der Feier des 500-jährigen Festes erfolgte. Es hat keine urkundlich gesicherte Grundlage, beruht aber auf einen Rückschluss von großer Wahrscheinlichkeit.
um1500: Höhepunkt der Annenverehrung in Deutschland. Die Heilige ist Patronin der Bergleute (Annaberg), der Kaufleute, hilft bei Pestilenz, Blitz und Ungewitter. So betet Luther, als er in das Gewitter bei Stotterheim gerät: „Hilft die liebe St. Anna, so will ich ein Mönch werden". (Luther ist ja mit der Heiligenverehrung aufgewachsen, hat später eine übertriebene Heiligenverehrung abgelehnt).
Im Bistum Paderborn wird 1500 das St. Annenfest offiziell eingeführt.
1503: Annenbruderschaft urkundlich überliefert. Es handelt sich um eine vorwiegend berufsständische Organisation- und Bruderschaft. Darüber hinaus ist sie auch stärker religiös motiviert. Die Mitglieder sind in ihr umfassend beruflich und privat erfasst. Eine mittelalterliche Stadt ist ohne die Existenz von Zünften nicht denkbar.
1513: Die Annenkapelle wird erstmalig erwähnt. Grund für diese Erwähnung ist eine Beschwerde des Brakeler Pfarrers. Am 16. Juni 1513 bestätigt der päpstliche Notar Nicolaus de Salva den Empfang einer Bittschrift an Papst Leo X, in welcher der Brakeler Pfarrer Johannes Funke Beschwerde führt gegen den Paderborner Bischof und seinen Offizial wegen der Beschränkung seiner Pfarrrechte und wegen der Kürzung der ihm aus der St. Annenkapelle zufallenden Opferspenden. Diese müssen demnach erheblich gewesen sein, was auf starken Besuch der Gläubigen und auch auswärtiger Wallfahrer schließen lässt.
1518: Am 3. Pfingsttage 1518 wurde die St. Annenkapelle durch den Bischof konsekriert (geweiht). Deshalb muss sie schon eine größere Wegkapelle gewesen sein
1528: Urkundlicher Nachweis des „Benefizium St. Anna und Jakob in der Michaelskirche". In einer Urkunde von 28. Juli 1528 geht es unter anderem um 4 Mark an die Benefiziaten von St. Anna und St. Jakob in der Pfarrkirche zu Brakel.
Der Verfasser meint, der Altar habe „vor demselben Pfeiler gestanden", in dessen Nische wir noch heute das Standbild der Heiligen sehen. Den Priester habe man wegen dieses Platzes den „Pilerpapen" (Pfeilerpastor) genannt. Das Wort Papen finden wir wieder in der Papengasse Kirchen-Ausgang Nord Richtung Brede. Dort haben Pastöre gewohnt.
Um 1550 soll der Altar mit den üblichen neuen Altarstiftungen der Michaelskirche untergegangen sein. Das ist glaubhaft, da noch in dieser Zeit Brakel weitgehend dem evangelischen Bekenntnis zuneigte und die Heiligenverehrung sowie das kirchliche Pfründensystem abgelehnt wurden.
1663: legt der Bischof und Landesherr Ferdinand von Fürstenberg im Zuge der Gegenreformation alle neun Einkünfte zur Stiftung von zwei Seelsorgestellen (Kaplaneien) zusammen. Dies bedeutet das Ende des alten Benefizialsystems. Erhalten blieb aber der Annenaltar. Er wurde Anfang des 19. Jahrhunderts an das Ostfenster der Asseburgischen Kapelle gerückt, weil man Platz für die Kirchenbänke brauchte.
Als er 1848 dort vom Marienaltar verdrängt wurde, stellte man eine Annenfigur auf den vom Bürger und Ratsherren Crux gestifteten Johannesaltar. Woraufhin das Volk zu Unrecht diesen Altar als Annenaltar bezeichnete.
Um 1496 soll noch ein Altar St. Thomas und St. Anna in der Bredenkirche bestanden haben. Dort soll Anna an der Spitze der heiligen Witwen dargestellt worden sein.
1700: Nach einer Urkunde von 21. Juli 1700 verfügt der Fürstbischof Hermann Werner (1683-1704) dass die Leitung der Prozession zur Annenkapelle dem Ortspfarrer zugesprochen wird. Es heißt weiter, dass für alle Zukunft am Feste der hl. Anna eine feierliche Prozession zur neu erbauten Annenkapelle stattfinden solle. Der Rohbau der jetzigen Kapelle ist 1700 fertig gewesen.
Seit 1761 hat als erster der Domkämmerer von der Lippe und später die Archidiakone des Brakeler Bezirks den Ortspfarrer in der Leitung ersetzt. Sie nahmen selbst an der Prozession teil oder schickten einen Kommissar. Ihnen musste genauer Nachweis der Opferspenden vorgelegt werden.
Gegenwärtig unterliegt die Leitung wieder dem Ortspfarrer von St. Michael. Um 9.00 Uhr zieht Pfarrer Wilhelm Koch mit dem Allerheiligsten unter einem Baldachin zur Annenkapelle.
Die Festpredigt wird gelegentlich von einem Gastprediger gehalten.
1706: Errichtung eines Annenbildstockes an der Nieheimer Str. auf dem Weg von der Innenstadt zur Annenkapelle. Seit einigen Jahren, am Donnerstag vor Annentag, ist dort Treff zum Ökumenischen Bittgang und kirchliche Eröffnung des Annentages.
1719: Die Annenkapelle wird von den Eheleuten Hermann Ludwig von der Asseburg und Odilia Elisabeth von Haxthausen aus Welda neu wieder erbaut. Hermann Ludwig von der Asseburg verstarb am 4. Oktober 1718 und ist in der Pfarrkirche St. Michael beigesetzt. Seine 2. Frau Maria Elisabeth von Schell aus Rechen hat das Werk vollendet.
In den Reformationswirren wird die alte Kapelle von 1513 baufällig geworden sein. Der Eingang ist möglicherweise mal von der alten Provinzialstraße aus gewesen.
Die Stifter-Eheleute wohnten nicht auf der Hinnenburg, sondern in der Stadt, im sogenannten Kapitänshaus, heute Haus Tensi, Ostheimerstr. 24.
1750: Aus Anlass der Entwendung des Mirakelbildes führte der Brakeler Bürgermeister Johannes Crux eine mit dem Kapital von 200 Talern fundierte Novene ein. Eine Novene ist ein Gebet welches zur Vorbereitung auf ein großes Fest an 9 Tagen stattfindet. Sie geht auf den Pfingstbericht der Apostelgeschichte zurück. An 9 Dienstagen vor Annentag wird auch heute noch an der Annenkapelle eine Messe unter großer Anteilnahme der Bevölkerung gefeiert. Das Mirakelbild wird in der Zeit in der Annenkapelle ausgestellt, es wird ansonsten in der Pfarrkirche aufbewahrt, da es „einst von einem auswärts wohnenden, recht einfältigen Eremiten entwendet wurde, da er auf diesem recht sonderbaren Wege seinem eigenen neu erbauten Kapellchen ein Mirakelbild verschaffen wollte".
1755: Einführung der Annenkirmes. Kirmes bedeutet Kirch-mess bzw. Kirch-weih. Das wäre ja eigentlich für St. Michael am 29. September d.J. Diese größere Kirmes, ähnlich wie wir heute Annentag kennen, hängt mit der Aufhebung der 4 Märkte nach 1755 zusammen und Verlegung auf den Annentag. (Der Michaelismarkt ist davon vor einigen Jahren wieder neu eingeführt worden).
Zunächst aber stand sicher die Versorgung der auswärtigen Pilger im Vordergrund. Dabei entwickelte sich auch ein Krammarkt. Schaustellungen aller Art gesellten sich dazu. Es wurde darauf geachtet, dem Annenfeste in erster Linie einen religiösen Charakter zu erhalten. Feilbieten von Waren und dergleichen während der Prozession und der Andacht sei strengstens verboten. Welcher Händler sich dagegen verfehlen würde, dessen Sachen sollen beschlagnahmt und unter die zu Brakel wohnenden Armen verteilt werden.
Bis 1819 geltendes Privileg ist der Annenablass. Die Besucher der Annenkapelle konnten am Annentage unter gewöhnlichen Bedingungen, das heißt Generalbeichte und Kommunionempfang, einen vollkommenen Ablass gewinnen. Daher kam es, dass an der Annenkapelle mit Hilfe der Kapuziner immer viele Kommunionen ausgeteilt wurden. Das Ablassprivileg ist seitdem nicht mehr erneuert worden. In bestimmten Wallfahrtsorten gilt heute noch der Ablass, z.B. vor dem Papstsegen an Ostern und Weihnachten.
1810: Graf Werner von Bocholz-Asseburg stiftet ein Ölgemälde für die Annenkapelle. Es befindet sich seit 1870 in der Brede.
1830: Das St. Annenhospital wird von Graf Hermann Werner von Bocholz-Asseburg auf der Brede wiedereingerichtet. Es ist ein Waisen- und Armenhaus.
1870: Der z.Z. vorhandene Annenaltar in der Annenkapelle wird von Graf Dieterich von Bocholtz-Asseburg für tausend Taler gestiftet. (Bildhauer ist ein Fleige aus Münster). Annenkapelle Altar
1957: Eine Glocke, die im Ton h erklingt, wird von Heimatfreunden in Auftrag gegeben und in der Annenkapelle aufgehängt. Inschrift: hl. Mutter Anna bitte für uns.
1962: Neueinfassung des Annenbrunnens. Ersterwähnung des Annenbrunnens ist 1719. Darstellung: Anna mit einem Apfel in der Hand. Das Hineinwerfen eines Apfels soll bei ausbleibenden Kindersegen helfen, denn Anna galt ja lange als unfruchtbar. Auch soll das Wasser der Quelle sich bei Augenleiden bewährt haben. Gemeint ist aber die Heilung von der Blindheit der Seele. Das Annenbildnis ist von der Brakeler Künstlerin Magdalene Friedrich Müller geschaffen worden.
1969: Annentagslotterie.
1971: Annentagsempfang am Montag (Tag des Viehmarktes) um 11.00 Uhr. Einladung von Rat und Verwaltung für Vertreter des öffentlichen Lebens in der alten Waage. (Top 100 aus der Region könnte man sagen).
1981: 500 Jahre Annentag in Brakel.
1983: St. Anna-Haus, Wohnhilfe e.V. Eine soziale Einrichtung für psychisch Kranke, jetzt in der Berliner Str. 3a

Weitere Einrichtungen und Begriffe die sich auf die Annenverehrung beziehen:
Annenfeld, eine Flurbezeichnung westlich der Annenkapelle 1806 bis 1834 urkundliche Erwähnung, da geht es in einem Prozess um die Nutzung der Schafhuden im Annenfeld.
Annen-Basen (Besucher, meist Familienangehörige die nach Brakel strömen, denen dann Aufnahme gewährt wird)
Annen-Euro (Zahlungsmittel auf Annentag)
Annen-Schule (Grundschule)
Annentagsdankfeier: Dienstag nach Annentag - Messe an der Annenkapelle
Annengrill
St. Annen Dunkel (besonderes Bier)
Annentagsfahrplan (Sonder u. Nachtfahrten)
Annentag Ehemaligentreffen im PLG (Gymnasium)
Annenapotheke
Annen-Taxi

(Alfons Jochmaring, Stadtheimatpfleger)
Quelle: Ewald: Geschichte Stadt Brakel 1925 und Brakeler Schriftenreihe Nr.5 Zur Geschichte des Brakeler Annentages von Dr. Herbert Engemann (ist vergriffen).