Am nächsten Tag – kaum hatte ich irgendwann die Füße vor das Tor der Herberge gesetzt – hörte ich es:

„Jesus, der Rabbi aus Nazareth kommt mit seinen Jüngern. Sie sind schon ganz in der Nähe – in Betfage!“
Natürlich – wie konnte es anders sein? – bekam ich rasendes Herzklopfen. Sollte, - nein, konnte es wirklich wahr sein, dass ich Jesus persönlich sehen würde? Doch – wo um Himmels Willen lag Betfage? In welche Richtung musste ich gehen? Ich hatte keine Ahnung und einen Stadtplan von Jerusalem gab es natürlich ebenso wenig wie einen Routenplaner auf meinem Handy.
Aber ich wollte unbedingt dabei sein, wenn Jesus nach Jerusalem kam – und nicht nur, weil es mein Job war! Also tat ich das, was ich immer machte: Ich fragte die Leute und sie gaben mir gern Auskunft. Ja, ein Mann ging sogar mit mir. Er meinte: „Wollen Sie auch den Rabbi sehen?“ Als ich nickte, fuhr er fort: „Meine Nachbarn kommen auch. Wir haben uns schon oft über Jesus unterhalten. Bestimmt ist er der König, auf den wir so dringend warten! Vielleicht ist er der Messias, der Retter, der Mann, der uns von den Römern befreit. Ach ja, darauf warten und hoffen wir so dringend!“
Ich schwieg, denn was sollte ich erwidern? Dass Jesus die Menschen nicht von den Römern befreien würde? Dass die Römer weiter über Israel herrschen würden? Dass Jesus für uns, also für die Christen, trotzdem der Messias ist? Nein, das alles konnte ich dem Mann nicht sagen! Darum schwieg ich lieber und wir gingen stumm nebeneinander her.

Nach einer Weile näherten wir uns einem der Stadttore Jerusalems. Sofort merkte ich: Hier war etwas Besonderes los! Viele Menschen strömten zum Tor hinaus, hatten Zweige in der Hand und warteten. Worauf? Nun, das wisst ihr natürlich ebenso gut wie ich: auf Jesus.
Während sie und ich am Wegesrand standen und warteten, nutzte ich die günstige Gelegenheit für eine kurze Befragung der Schaulustigen.
Zuerst sprach ich ein Kind an: „Warum bist du hierhergekommen?“
„Ich? Ich bin hier, weil endlich mal etwas los ist in Jerusalem!“
„Hm“, dachte ich, „und Jesus? Interessiert der sich gar nicht für den?“
Aber bevor ich genauer nachforschen konnte, war das Kind schon verschwunden. Darum stellte ich einem anderen Kind dieselbe Frage. Es antwortete: „Ich bin hier, weil ich Jesus toll finde. Das ist doch endlich jemand, der auch uns, den Kindern, zuhört!“
„Also, ich bin hier, weil Jesus der Messias sein muss! Er hat Kranke gesund und sogar Tote wieder lebendig gemacht und ich hoffe, dass er auch mir hilft!“, rief ein Mann, der Krücken in der Hand hatte.
Nun wandte ich mich an einen anderen Mann, der mir erklärte: „Ich? Ich bin hier, weil ich Jesus genau beobachten will. Er sagt und tut manchmal Dinge, die nicht richtig sind. Einmal hat er sogar am Sabbath, wenn man nicht arbeiten darf, zugelassen, dass seine Jünger Ähren pflückten. Das geht doch nicht! Wir, die Priester und Schriftgelehrten, passen darum genau auf. Wir wollen nicht, dass Jesus gefährlich wird. Da müssen wir vorher etwas tun!“
„Gefährlich? Wieso gefährlich? Für wen gefährlich?“, wollte ich wissen, aber der Mann gab keine Antwort mehr, sondern ging einfach weiter.
Ich schüttelte den Kopf und interviewte den nächsten Mann. Dabei war ich schon gespannt, was er erwidern würde. Vielleicht würde ich ja noch etwas Neues erfahren – etwas, das ich nicht schon gesehen oder gerade gehört hatte.
Der Mann meinte: „Ich finde es klasse, wie er mit Gott redet. Er sagt Abba, d. h. Vater zu ihm.“
Wieder ein anderer erklärte: „Ich bin hier, weil ich weiß, dass Jesus uns von den Römern befreien wird.“
Das hatte mir doch auch schon der Mann gesagt, mit dem ich hierhergekommen war. Nun wollte ich wissen, wie der Mann sich das vorstellte. Doch gerade als ich nachfragen wollte, rief jemand laut: „Da, da, er kommt!“
„Seht ihr?! Es ist genau wie es in der Schrift steht, beim Propheten Sacharja (9,9): Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt, er sitzt auf dem Fohlen einer Eselin!“
Tochter Zion? Wer oder was war damit gemeint? Sollte das etwa Jerusalem sein? Zum Nachfragen blieb mir aber keine Zeit, denn ich musste gut aufpassen, damit ich nichts verpasste.
„Ja, wirklich! Genau so steht es beim Propheten – und genau so ist! Also muss Jesus der König, der Messias sein!“
So hörte ich es immer wieder und wirklich – ich habe es bestimmt richtig gesehen und nicht geträumt: Jesus ritt auf einem jungen Esel in Jerusalem ein. Bei ihm waren seine Jünger und eine Menge anderer Personen.
„Wer?!“, werdet ihr wissen wollen, aber ich kann nur erklären: Ich weiß es nicht. Ja, ich weiß nicht einmal, wer von den Menschen, die bei ihm waren, seine Jünger waren. Nur Jesus, den habe ich erkannt – aber nicht, weil er so anders aussah oder weil die Maler, die Bilder von ihm gemalt haben, ihn richtig dargestellt haben. Nein, ich habe ihn erkannt, weil er auf dem Esel saß und die anderen Leute ihn erkannten.
Jetzt höre ich euch schon ungeduldig fragen: „Und wie sah er aus? Beschreib ihn uns endlich! Aber genau!“ Tja, eigentlich müsste ich mich jetzt schämen, aber ich kann es euch nicht sagen. Ich bin einfach nicht fähig, Leute zu beschreiben, ja, ich kann mir nicht einmal genau merken, wie sie aussehen. Ihr könnt mir aber glauben, dass ich es versucht habe. Mein Chef hat mich deswegen nämlich auch gelöchert. Da habe ich es probiert bis er schließlich meinte: „Hör auf! Das hat ja keinen Zweck! Du bist einfach ein hoffnungsloser Fall, wenn es um Beschreibungen geht!“ Also versuche ich es hier erst gar nicht. Ich kann nur sagen, dass ich von Jesus beeindruckt war.
Nun aber zurück nach Jerusalem. Was herrschte hier für eine Stimmung! Überall riefen die Menschen: „Hosianna! Gesegnet sei er, der da kommt im Namen des Herrn!“
Bald schon wurde ich von der Stimmung angesteckt und merkte, dass auch ich „Hosianna!“ rief. So jubelte ich mit allen anderen und war genau wie sie überzeugt, dass Jesus im Namen des Herrn, also im Namen Gottes kam.
Als mir jemand einen Zweig gab, warf ich ihn auf den Boden – so wie viele der Passanten es taten. Andere legten ihre Kleider auf den Weg, so dass Jesus wie auf einem Teppich in die Stadt Jerusalem reiten konnte – so, wie man auch einen Teppich auf einen Weg oder auf eine Treppe legt, wenn ein König oder eine andere wichtige Person nach Deutschland kommt.
Dann war Jeus in der Stadt.

Selbstverständlich versuchte ich ihm weiter zu folgen. Ja, ich hoffte sogar, ihn sprechen zu können. Aber – ich habe zwar keine Ahnung wie – auf einmal sah ich ihn nicht mehr.
„Bestimmt hat dieser Tom nur nicht richtig aufgepasst und gerade mal wieder an etwas anderes gedacht!“, werdet ihr denken.
Leider kann ich nicht widersprechen, denn ich habe wirklich nicht gemerkt, wohin Jesus ging. Das tat mir zwar Leid, aber ich war auch froh, so richtig froh, dass ich den Einzug in Jerusalem miterleben durfte! Deshalb ging, nein schwebte ich beinahe zurück in meine Herberge, legte mich auf mein Bett, machte die Augen zu und träumte immer wieder von diesem Erlebnis.