Wie ich es gerade schon sagte:

Nachdem Jesus mit seinen Jüngern gegessen hatte, verließen sie das Haus und gingen los. Unauffällig folgte ich ihnen. Wohin waren sie – und ich – unterwegs? Ahnt ihr es? Ich schon! Bestimmt führte uns unser Weg zum Garten Getsemani. So musste es zumindest sein, wenn das stimmte, was in der Bibel steht.

Getsemani heißt übrigens Ölkelter. Woher der Garten seinen Namen hat? Nun, wenn ihr wie dort gewesen wäret, wüsstet ihr es: Hier standen viele Olivenbäume und hier fand sich eine Ölpresse. Daher also der Name.

Weil ich wusste, dass Jesus irgendwann dort hingehen würde, hatte ich mich bereits in den vergangenen Tagen nach dem Weg erkundigt. Deshalb konnte ich jetzt etwas größeren Abstand halten und musste so nicht befürchten aufzufallen.

Schließlich kamen wir alle im Garten an: Jesus, seine Jünger und ich. Die anderen gingen schnurstracks zu einer Höhle. Es war, als ob sie sich auskannten und bereits häufiger hier gewesen wären.

Während die Jünger – zumindest die meisten von ihnen - in der Höhle verschwanden, blieb Jesus draußen und begab sich tiefer in den Garten hinein. Ich strengte meine Augen gewaltig an um zu erkennen, ob er jemanden mitnahm. Leider muss ich sagen, dass ich es nicht genau erkannte-

Nach einem Moment des Wartens näherte ich mich zunächst der Höhle. Vielleicht konnte ich dort feststellen, ob alle Jünger da waren oder ob jemand fehlte. Leider war es jedoch in der Höhle viel zu dunkel dafür. Ich bemerkte beim Hineinsehen nur, dass alles ganz still war. Die Jünger schienen zu schlafen. Na ja, das konnte ich verstehen. Schließlich war es bereits spät am Abend und sie hatten eine Menge erlebt. Bestimmt waren sie deshalb vollkommen erschöpft. Und: Wer nicht schlief, der wollte bestimmt mit niemandem reden, sondern erst einmal darüber nachdenken, was er erlebt hatte. Außerdem waren es die Jünger gewohnt, dass Jesus sich ein Stück entfernte um mit Gott zu sprechen, um zu beten.

Doch ich obwohl auch ich ziemlich fertig war, wollte und musste ich beobachten, was Jesus jetzt machte. Also versuchte ich ihn in der Dunkelheit zu finden, was nicht so einfach war. Schließlich sah ich ihn.

Aber war das wirklich Jesus?

Der Mann, der da am Boden lag, konnte doch unmöglich Jesus sein! Er sah ja so verzweifelt aus! Er sah aus, als ob er große Angst hätte!

Leise schlich ich mich etwas näher heran und bemerkte erschrocken, dass wirklich Jesus vor mir auf dem Boden lag. Nachdem ich mich von meinem Schrecken ein wenig erholt hatte, überlegte ich, warum ich eigentlich erschrocken war. Schließlich hätte ich mir ja denken können, dass Jesus ängstlich und verzweifelt war. Warum auch nicht? Schließlich war er genauso Mensch wie jeder von uns. Und wer wäre nicht ängstlich, wenn er wüsste, dass er verfolgt wird und dass es Menschen gibt, die einen töten wollen? Also, ich konnte das verstehen.

Sicherlich können das auch und besonders die vielen Menschen verstehen, die etwas Ähnliches in ihrem Land erlebt haben und deshalb woanders hin geflüchtet sind. Sie könne die Angst Jesu sicher noch viel besser nachvollziehen als ich.

Als ich das überlegt hatte, fiel mir ein: Warum ist Jesus eigentlich nicht geflüchtet? Er hätte doch einfach weggehen können. Dann hätte ihn keiner erreicht und er wäre in Sicherheit gewesen. Später, wenn dann Gras über die Sache gewachsen wäre, hätte er wiederkommen können. Beinahe wollte ich schon aufspringen, zu Jesus laufen und ihm den Tipp geben. Aber dann blieb ich, wo ich war. Ich überlegte nämlich, dass Jesus bestimmt auch darüber nachgedacht hatte. Schließlich waren seine Eltern damals nach seiner Geburt mit ihm nach Ägypten geflohen. Er wusste also, dass es diese Möglichkeit der Flucht gab.

Trotzdem ist er nicht geflüchtet. Er ist dageblieben. Er redete und handelte nicht nur, sondern er trug auch die Folgen von dem, was er sagte und tat.

Wer von uns tut das wohl? Wir sagen lieber oft: Das war ich nicht. Ich kann nichts dafür. Oder wir laufen weg, wenn wir etwas angestellt haben und uns vor einer Strafe fürchten.

Jesus aber nicht. Er wusste, dass das, was er gesagt und getan hatte, richtig war. Er wusste, dass er trotzdem verfolgt wurde und doch blieb er.

Während ich ihn so beobachtete, schien er zu sprechen – mit Gott zu sprechen. Was? Das konnte ich nicht genau verstehen, denn so dicht konnte ich mich nicht anschleichen ohne bemerkt zu werden. Außerdem ging es mich nichts an. Das war eine persönliche Sache von Jesus.

Schließlich schien er ruhiger zu werden. Dann stand er auf und ging zur Höhle. Unterwegs sah ich dann doch, dass da andere Personen waren. Jesus sprach sie an und fragte sie, ob sie nicht einmal eine so kurze Zeit mit ihm wachen und beten könnten.

Zwar konnte ich verstehen, dass sie vor Erschöpfung eingeschlafen waren, doch hatte auch Jesus Recht: Sie hätten doch wach bleiben könne. Schließlich ging es ihrem Freund nicht gut und sie hätten ihm geholfen, wenn sie mit ihm gewacht hätten – so wie es eure Mutter vielleicht schon einmal bei euch gemacht hat, als ihr krank ward.

Aber bevor die Jünger etwas erwidern konnten, sahen sie – und ich – Lichter näher kommen.