Nun endlich konnte ich mich näher an das Haus begeben.

Wie? Ich folgte einfach einigen Männern, die dort hingingen. Es waren – wie ich hörte – Männer, die zum Hohen Rat gehörten. Jetzt also sollte die Verhandlung gegen Jesus stattfinden.

Heimlich und vorsichtig – schließlich wollte auch ich nicht entdeckt werden – schlich ich mich hinein und versteckte mich in einer dunklen Ecke. Dabei kam es mir so vor, als würde ich mich nur noch von einem Versteck ins nächste schleichen. Hoffentlich hatte das bald ein Ende! Aber egal! Nun konnte ich wenigstens mitbekommen, was geschah.

Zuerst suchten die Männer des Hohen Rates nach Zeugen, die gehört hatten, das Jesus gesagt hatte: „Ich werde den Tempel abreißen und in drei Tagen wieder aufbauen.“

Über diese Worte hatten die Männer des Hohen Rates sich nämlich besonders geärgert. Wie konnte Jesus so etwas vom Tempel sagen! Das durfte einfach nicht sein! Das war ein Verbrechen! Außerdem: An dem Tempel hatte man so viele Jahre gebaut. Den konnte man doch nicht einfach abreißen und schon gar nicht in drei Tagen wieder aufbauen! Na ja, das glaube ich zwar auch, aber wenn Jesus das wirklich geäußert hatte, dann hatte er das bestimmt anders gemeint. Wie? Keine Ahnung! Aber egal! Das hatte schließlich nichts mit der Verhandlung zu tun.

Doch so viel sich die Männer des Hohen Rates bemühten, es gab keine zwei Zeugen, die dasselbe sagten. Jeder behauptete, er hätte etwas anderes gehört. Aber – für eine Verurteilung benötigte man unbedingt zwei Zeugen. Ich freute mich, denn jetzt saßen die Männer ganz schön in der Klemme! Wie wollten sie Jesus jetzt verurteilen? Nun gab es dafür keinen Grund mehr.

Da fragte Kajaphas: „Bist du der Messias, der Sohn Gottes?“

Ich hielt die Luft an. Was würde Jesus darauf sagen?

Er antwortete: „Ich bin es und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten Gottes sitzen sehen.“

Sofort brach ein Tumult aus. Die Männer im Raum riefen durcheinander. Das, was Jesus da gesagt hatte, war Gotteslästerung! Wie konnte er behaupten zur Rechten Gottes zu sitzen und der Sohn Gottes zu sein? Das war schlimm! Das war das schlimmste Verbrechen, das es gab! Schließlich ist Gott einzig. Es gibt nur einen Gott. Wie schlimm die Äußerung Jesu für alle war, merkte man daran, dass Kajaphas seine Kleider zerriss um zu zeigen, dass nun alles entschieden war. Jetzt brauchte man keine anderen Zeugen mehr und konnte das Urteil sprechen: Jesus musste sterben! Er hatte Gott gelästert und war damit gegen ihn.

Aber – da gab es ein Problem: Seit die Römer das Land erobert hatten, durfte der Hohe rat niemanden mehr zum Tode verurteilen. Das durfte nur der Stellvertreter des Kaisers von Rom und das war zu dieser Zeit Pontius Pilatus. Deshalb musste der Hohe Rat Jesus an ihn ausliefern, damit Pilatus sein eigenes Urteil fällen konnte.

Doch was sollte man Pilatus mitteilen?

Wenn sie ihm nur sagten, dass Jesus Gott gelästert hatte, dann würde Pilatus nur lächeln und nichts tun. Das wäre ihm vollkommen gleichgültig. Also mussten die Männer des Hohen Rates überlegen, welche Anklage sie erheben sollten.

Während sie darüber nachdachten, ließen sie Jesus erst einmal von den Wächtern wegbringen. Ich folgte ihm, weil ich mir überlegte, dass ich das, was der Hohe Rat beschließen würde, später auch noch mitbekommen würde. Dass ich mich da nicht getäuscht hatte, werdet ihr bald erfahren. Also – ich folgte Jesus und seinen Bewachern.

Zu meinem Schrecken bemerkte ich, dass sie ihn schlugen und bespuckten. Sie lachten ihn aus und riefen: „Zeig, dass du ein Prophet bist! Hilf dir doch!“

Ich konnte kaum hinsehen! Ich war empört! Wie kann man einen Gefangenen nur so behandeln?

„Wie kann man einen Gefangenen nur so behandeln?“, dachte ich noch einmal. Dabei fielen mir die vielen Menschen ein, denen es auch heute noch so geht wie Jesus damals. Vielleicht finden sie ja ein wenig Trost in dem Gedanken, dass Jesus auch so leiden musste. Das ist doch möglich oder? Ich kann es nicht sagen, denn ich bin Gott sei Dank nie in einer solchen Situation gewesen.

Nach einer Weile – es war noch immer ganz früh am Morgen – kamen einige Männer des Hohen Rates aus dem Haus. Zusammen mit den Wachen und Jesus machten sie sich dann auf den Weg – zu Pilatus.