Wieder folgte ich ihnen. Wir kamen zum Präteritum, das war der Ort, wo Pilatus zu Gericht saß. Hier standen schon einige andere Personen, die sich die verschiedenen Prozesse anhörten, die gerade stattfanden. Darum musste ich mich dieses Mal nicht verstecken, sondern konnte mich einfach dazustellen.

Bald war es so weit: Die Männer des Hohen Rates klagten Jesus an und sagten, dass er behaupte, der Messias zu sein.

Weil Pilatus das Wort nicht richtig kannte, erklärten sie gleich die Bedeutung. Sie teilten ihm mit, dass der Messias der König sei, der die Römer vertreiben würde.

Nach dieser Anklage sprach Pilatus selbst mit Jesus. Er verhörte ihn und fragte: „Bist du der König der Juden?“

Aber – ihr werdet es kaum glauben – Jesus antwortete nicht „Ja!“, sondern meinte: „Du sagst es.“

Was konnte das nur bedeuten? Wollte er etwa leugnen, dass er der Messias war? Ich war irritiert. Das kannte man ja gar nicht von Jesus. Dann fiel mir ein, dass Jesus sicher meinte, dass er kein König wäre – zumindest nicht so ein König wie ihn die Leute haben wollte, so ein König wie sie ihn sich wünschten.

Außerdem konnte dieser Satz heißen: „Das behaupte nicht ich, sondern du.“ Damit leugnete er nichts, tat aber auch nichts um seine Situation noch schlimmer zu machen. Schließlich – so denke ich wenigstens – wollte er nicht unbedingt sterben, auch, wenn er nichts tat um sich zu retten. Was nun wirklich stimmt oder ob Jesus vielleicht einen ganz anderen Grund für seine Äußerung hatte, weiß ich nicht. Aber das spielte in der Situation auch keine Rolle.

Jedenfalls schien auch Pilatus zu glauben, dass Jesus nicht so ein König sein wollte wie die Männer des Hohen Rates es behaupteten, denn er ließ Jesus nicht sofort abführen und verurteilte ihn auch nicht gleich.

Darum kamen wieder die Männer des Hohen Rates um Jesus erneut zu beschuldigen. Der aber sagte nichts mehr, kein Wort. Ihm war sicherlich klar, dass das alles sowieso nichts mehr nützen würde.

Während dieser ganzen Verhandlung – wenn man es so nennen kann - schaute ich mir die Gesichter der Menschen genau an – besonders das von Pilatus. Dabei stellte ich fest, dass er genau bemerkte, was da lief. Und eigentlich schien er keine Lust zu haben, sich einfach so austricksen zu lassen und wie eine Marionette nur das zu tun, was die Männer vom Hohen Rat wollten.

Darum wollte er Jesus auch nicht zum Tode verurteilen. Das konnte ich deutlicherkennen. Gleichzeitig wusste ich aber, dass er ihn doch verurteilt hatte und fragte mich: Warum nur?

Da kam es schon: „Wenn du Jesus nicht verurteilst, bist du kein Freund des Kaisers in Rom!“, sagte einer.

Aha! Darauf lief es also hinaus! Die Männer bedrohten Pilatus und wollten ihn beim Kaiser anschwärzen.

Gespannt wartete ich darauf, was Pilatus machen würde.

Lange musste ich nicht warten.

Pilatus ließ einen anderen Gefangenen holen: Barabbas, einen Verbrecher. Er stellte ihn neben Jesus und wandte sich an die Menschen vor dem Prätorium: „Weil jetzt Passah ist, will ich euch einen Gefangenen frei geben. Wen wollt ihr haben? Jesus oder Barabbas? Sucht aus, wen ihr haben wollt!“

Ich dachte. „So ein Schlitzohr! Sicherlich hat er schon seit Längerem von Jesus gehört und davon, wie beliebt er bei den Menschen ist. Bestimmt weiß er auch, was beim Einzug in Jerusalem geschehen ist. Der hofft doch, dass die Menschen Jesus aussuchen werden. Dann ist es nicht seine Schuld, wenn Jesus nicht getötet wird und er kann das genauso dem Kaiser mitteilen!“

Leider hatte sich Pilatus aber geirrt. Die Menschen, die da waren, wollten lieber, dass Jesus verurteilt wurde. Daher wählten sie einen anderen, nämlich Barabbas, einen Verbrecher.

Immer wieder schrien sie: „Barabbas! Wir wollen Barabbas!“

Jetzt wollte Pilatus von den Menschen vor dem Prätorium wissen: „Was soll ich dann mit Jesus machen?“ Wieder schrien sie: „Ans Kreuz mit ihm! Kreuzige ihn!“

Das verstand ich nicht. Noch vor ein paar Tagen hatten alle „Hosianna!“ gerufen und nun? Ich schüttelte den Kopf, konnte es nicht begreifen. Schließlich jedoch fiel mir ein, dass die Freunde Jesu ja alle geflohen waren. Und sicher waren diejenigen, die hier waren, eher die Freunde von Barabbas oder vom Hohen Rat. Da verstand ich, wieso niemand Jesus frei haben wollte. Oder wenn doch jemand da war, der für Jesus war. Traute der sich sicherlich nicht, etwas zu sagen.

Und nun? Wie ging es nun weiter?

Jetzt geschah etwas Seltsames: Pilatus ließ sich eine Schüssel mit Wasser bringen und wusch sich die Hände. Dann erklärte er: „Ich bin unschuldig am Tod dieses Menschen.“ Verwirrt fragte ich mich: „Was soll denn das?“ Dann wurde es mir klar: Mit Wasser wäscht man sich, es hilft, sauber zu werden. So wollte sich Pilatus auch säubern – er wollte seine Schuld abwaschen und sagen: Ich kann nichts dafür. Ich wollte es nicht. Ihr seid Schuld.

Als ich dies sah und hörte, dachte ich auch daran, dass wir ganz oft genauso handeln wie Pilatus. Wie oft sagen wir: „Ich kann nichts dafür. Ich bin unschuldig. Ich war´s nicht. Das waren die anderen.“? Wir haben sogar einen Spruch dafür, der von dem kommt, was Pilatus getan hat: „Die Hände in Unschuld waschen.“ Wenn ihr mir nicht glaubt, dass so etwas heute noch geschieht, dann schaut euch einmal um. Es passiert zuhause, auf dem Schulhof, aber auch bei den Erwachsenen. Eigentlich ist das feige oder? Viel besser wäre es doch, zu dem zu stehen, was man gemacht hat und dann seine Strafe auf sich zu nehmen.

In diesem Moment fiel mir noch etwas ein: Waschen sich die Priester am Altar und vor der Wandlung die Hände? Sie bitten Gott dann, dass er ihre Schuld abwaschen soll. Ob das auch von dem kommt, was Pilatus tat? Ich weiß es nicht, kann es mir aber vorstellen. Wenn ihr es genau wissen wollt – fragt doch einen Pastor.

Jetzt aber zurück nach Jerusalem.

Dort setzte sich Pilatus auf seinen Richterstuhl an dem Platz, der Lithostrotos, auf Hebräisch Gabbata, heißt und verurteilte Jesus – und das, obwohl er bestimmt wusste, dass Jesus unschuldig war.

Er war eben genauso feige wie alle anderen und hatte Angst, dass ihm selbst etwas passieren konnte, wenn sich die Männer vom Hohen Rat beim Kaiser beschwerten.