Aber nun: Da kam Jesus mit vier Bewachern aus dem Tor des Prätoriums. Und waren da noch zwei Männer, die bewacht wurden?

Sie alle trugen Holzbalken auf der Schulter und jeder von ihnen hatte ein Schild um den Hals hängen. Darauf konnte jeder lesen, weshalb sie bestraft wurden. Auf dem Schild, das Jesus trug, stand: „Jesus von Nazareth, König der Juden.“

Als Jesus und die anderen nach Golgota geführt wurden, standen einige Frauen und Männer am Straßenrand und schauten zu.

Neben mir befand sich ein Mann, der das Schild las und meinte: „Da werden sich die Männer des Hohen Rates aber ärgern. Die wollen bestimmt nicht, dass das auf dem Schild steht. Schließlich ist Jesus nicht unser König.“

Ein anderer erwiderte: „Aber Pilatus wird bestimmt nichts ändern. Der freut sich doch, wenn sich die hohen Herren ärgern.“

Nun kam Jesus an uns vorbei. Aber wie sah er aus! Es war, als wäre er fast schon tot – so sehr hatten ihn die Soldaten geschlagen.

Auf dem Weg nach Golgota schwankte er auch immer wieder.

Ich merkte, dass er es nicht schaffen würde, den Balken den ganzen Weg zu tragen – obwohl es nicht so weit war bis nach Golgota. Die Soldaten sahen das ebenfalls. Darum schnappten sie sich unterwegs einen Mann, der Jesus helfen sollte das Kreuz bzw. den Balken zu tragen. Natürlich wollte der Mann nicht, das sah man ihm deutlich an. Schließlich war es eine Schande, das Kreuz zu tragen. Außerdem konnten seine Freunde und seine Familie ja denken, dass er zu Jesus gehört. Oder noch schlimmer: Sie konnten denken, dass er selbst ein Verbrecher ist. Aber er konnte nichts machen. Die Soldaten zwangen den Mann dazu und ich denke, wenn er sich geweigert hätte, hätten sie ihn geschlagen. Neben mir flüsterte ein Mann: „Armer Simon, das hat er bestimmt nicht erwartet, als er seine Arbeit auf dem Feld beendete.“ „Simon?“, fragte ein anderer leise. „Ja, kennst du ihn nicht? Das ist Simon von Zyrene und dort neben ihm sind seine Söhne.“

Weiter hörte ich nichts, denn ich folgte – wenn auch nur aus der Ferne – Jesus.

Dann kamen wir am Berg Golgota an.

Golgota, diesen Namen habe ich bereits mehrmals genannt. Was bedeutet er eigentlich? Golgota heißt auf Deutsch Schädelstätte. Es ist - vielmehr war - ein Berg, der wie ein Schädel, wie ein Kopf aussah.

Oben auf dem Berg standen lange Stangen. Die standen immer dort. Man konnte sie – besonders da die Stelle nahe bei der Stadt lag - schon von weitem sehen und jeder wusste: Hier werden die Verbrecher gekreuzigt.

Während die Soldaten bis auf den Berg gingen, blieb ich weiter weg stehen. Von dort, wo ich mich befand, konnte ich alles sehen, konnte aber auch weglaufen, wenn es mir zu viel wurde. Oder - ich gestehe es – wenn es mir zu gefährlich wurde.

Bei mir standen einige Menschen, die ebenfalls zuschauen wollten. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht gefiel es ihnen einfach, eine Kreuzigung und damit das Leid anderer Menschen zu sehen. Vielleicht war das besonders spannend für sie. Vielleicht waren sie einfach neugierig. Vielleicht kannten sie aber auch einen der drei Männer und wollten in der Nähe bleiben du sie nicht allein lassen. Vielleicht hofften sie auf ein Wunder. Vielleicht hofften sie darauf, dass Jesus in letzter Minute gerettet würde. Vielleicht …

Ich weiß es einfach nicht. Aber ich fragte mich: Warum blieb ich eigentlich hier? Sicherlich blieb ich, weil ich euch und meinem Chef Bericht erstatten muss. Aber wenn ich ehrlich bin: Das war nicht der wichtigste Grund. Ich konnte einfach nicht anders als dazubleiben. Ich wollte in der Nähe von Jesus sein – auch, wenn ich es kaum ertragen konnte

Bei mir befanden sich auch einige Frauen. Sie unterhielten sich leise. Da bemerkte ich, dass es Freundinnen von Jesus waren. Ich dachte: „Die Frauen sind also nicht weggelaufen. Sie sind hier – immer noch. Und die Männer?“

Als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, wandte sich eine der Frauen leise an mich und erklärte: „Wenn die Männer hier wären, wäre das sehr gefährlich für sie. Die Soldaten könnten sie ebenfalls verhaften. Aber wir Frauen? Wir zählen nicht. Uns sieht man nicht als gefährlich an. Darum können wir es uns leisten, hier bei unserem Rabbi, bei Jesus zu bleiben.“