Nun waren die Gefangenen also auf dem Berg angekommen. Nur wenige Menschen begleiteten sie bis dorthin. Genau konnte ich nicht erkennen, wer bei Jesus war, aber ich hörte, wie die Frauen sagten: „Seht ihr, wenigstens seine Mutter, ihre Schwester, Maria Magdalena und Johannes sind nahe bei ihm.“ Sie blieben auch da – bis zuletzt. Das konnte ich beobachten. Aber was ich nicht genau mitbekam – schließlich stand ich nicht direkt bei ihnen – war, ob Jesus später das zu seiner Mutter gesagt hat, was wir jedes Jahr in der Kirche hören: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Und zu seinem Jünger: „Siehe, deine Mutter!“ Allerdings kann ich mir vorstellen, dass er für seine Mutter sorgte. Schließlich sorgte er sich ja sein ganzes Leben für andere und seine Mutter wird er genauso geliebt haben wie jeder seine Mutter liebt.

Und seine Mutter? Sie hat ihren Sohn sicher auch geliebt. Und wenn ich mir vorstelle, dass sie alles mit ansehen und miterleben musste, läuft es mir kalt den Rücken herunter. Ich konnte es ja schon kaum ertragen und dabei kannte ich Jesus nicht persönlich. Was muss seine Mutter da nur gefühlt haben!

Dann wurden den Gefangenen die Balken, die sie getragen hatten, abgenommen und an den langen Stangen befestigt. So entstanden die Kreuze.

Anschließend kamen die Gefangenen an die Reihe. Sie mussten ihre Kleider ausziehen und jetzt wurden sie – so genau habe ich es nicht gesehen, denn ich habe mich schnell umgedreht als die Soldaten begannen – mit Nägeln dort drangeschlagen. Es war einfach nur schrecklich! Stellt euch vor, lange Nägel werden durch die Hand und die Füße geschlagen! Wie das wehtun muss! Ihr könnt ja mal einfach ausprobieren, wie es ist, wenn man mit dem Finger fest in die drückt. Das tut schon weh. Aber Nägel!!!

„Nun ist es also geschehen. Jesus hängt am Kreuz“, seufzte eine Frau: „Und rechts und links von ihm hängen zwei Verbrecher. Wer hätte das gedacht?“

Da drehte ich mich wieder um und konnte gerade noch beobachten, dass die Soldaten die Schilder an den Kreuzen befestigten. Alle konnten lesen, was dort stand – auch die Männer des Hohen Rates. Wie mir später berichtet wurde, gingen sie deshalb zu Pilatus und wollten es geändert haben. Sie wollten nicht, dass dort „König der Juden“ steht, sondern nur, dass Jesus das behauptet habe. Aber so wie der Mann am Wegrand es schon vorhergesagt hatte, weigerte sich Pilatus das Schild zu ändern. Er erwiderte nur: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ Ob das wohl seine kleine Rache dafür war, dass er das tun musste, was die Männer vom Hohen Rat wollten? Ich kann es mir schon vorstellen.

In diesem Moment hörte ich wie eine Frau meinte: „Guck, sie geben ihm Wein zu trinken.“ „Ja“, erwiderte eine andere, „der ist bestimmt mit Myrrhe gewürzt.“ „Oder auch mit Galle“, ergänzte eine andere, „damit wollen sie die Gefangenen ein wenig betäuben.“

Wir beobachteten von unserem Platz aus, dass Jesus den Wein nicht annahm. Warum? Das wusste ich nicht. Vielleicht wollte er sich nicht betäuben, aber - ich wusste es einfach nicht und wollte auch nicht darüber nachdenken.

Anschließend sah ich, dass die Soldaten sich von den Gekreuzigten abwandten. Sie setzten sich zusammen um deren Kleider unter sich zu verteilen – such die Kleider von Jesus. Diese schauten sie sich erst einmal genau an und dann – es war genauso wie es in der Bibel steht – warfen sie das Los und entschieden so, wer das Gewand Jesu bekommen sollte.

Jetzt passierte eine Weile nichts mehr. Wir standen nur da und warteten – warteten darauf, dass die Gekreuzigten starben.

Dabei dachte ich daran, dass ich ja auch dabei gewesen war als Jesus geboren wurde. Vielleicht erinnert ihr euch ja. Damals waren wir in einem Dorf, in einer Höhle. Jesus und seine Familie waren arm und hatten fast nichts. Genauso war es jetzt: Jesus hatte fast nichts. Selbst seine Kleider hatten ihm die Soldaten weggenommen. Er wurde zum Tode verurteilt, obwohl er unschuldig war, einfach nur deshalb, weil einige Menschen ihn loswerden wollten. Damit erging es ihm so wie es zu allen Zeiten vielen Menschen ging und geht, Menschen, die sonst niemanden haben, Menschen, die unbequem sind, eine andere Meinung, haben, die arm sind, die .., den Menschen, die Jesus wichtig waren und für die er sich besonders eingesetzt hatte. Auch sie müssen und mussten immer wieder aus Ungerechtigkeiten heraus leiden. Aber vielleicht hilft dem einen oder anderen der Gedanke daran, dass auch Jesus leiden musste. Aber ob dem so ist? Ob ein solcher Gedanke in der Not hilft? Ich weiß es nicht.

Weiter überlegte ich: Was wäre eigentlich, wenn Jesus nichts geschehen wäre? Was, wenn er geflohen wäre? Wenn er alt geworden und dann eines natürlichen Todes gestorben wäre? Wie würden wir dann über ihn denken? Wie würden es die Armen, die Schwachen, die Verfolgten und Ausgegrenzten, die … tun?

An all das dachte ich, während ich so mit den Frauen dastand und wartete.

Während wir warteten, hörten und sahen wir manchmal Leute vorbeigehen.

Einige schimpften auf die Römer, einige schimpften aber auch auf Jesus und meinten: „Das geschieht ihm Recht.“ Andere lachten über ihn. Sie sagten: „Wenn er wirklich Gottes Sohn ist, dann soll er sich doch befreien.“ „Anderen hat er geholfen, dann soll er sich doch auch selbst helfen.“ „Wenn du Gottes Sohn bist, dann steig doch vom Kreuz herunter!“

Wir, die wir da standen, sagten nichts. Wir waren einfach nur stumm. Was sollten wir auch sagen?

Nach einer ganzen Weile bemerkte ich, wie ein Soldat einen Schwamm an einem Stock festmachte und Jesus hinhielt. Was war denn das?

„Jetzt geben sie ihm Essig zu trinken“, flüsterte eine der Frauen. „Damit wollen sie, dass er länger durchhält. Essig senkt das Fieber und soll den Durst löschen.“

Das war also der Grund für den Schwamm mit Essig! Ich hatte mich, wenn ich das in der Kirche gehört hatte, schon immer gefragt, was das soll. Apropos Kirche: Dort wird ja immer vorgelesen, dass Jesus gesagt hat: „Mich dürstet.“ Ob er das wirklich gesagt hat, weiß ich nicht. Dazu stand ich zu weit weg. Aber ich habe schon bemerkt, dass er den Mund bewegte, bevor die Soldaten ihm den Schwamm mit Essig reichten.

Wieder geschah eine Weile nichts. Dann hörte ich wie Jesus rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“

Nanu, was soll das denn? Warum sagte er ausgerechnet das? Ich überlegte und hatte bald schon einige Ideen: Jesus ging es schlecht, er musste sterben. Darum dachte er vielleicht, dass ihn alle – die Menschen und auch Gott – verlassen hatten. Er beklagte sich bei Gott so wie wir uns manchmal auch bei anderen über irgendetwas beklagen. Wie wir uns auch bei Gott beklagen. Ach, ihr meint, das dürfen wir nicht? Ich denke aber, das dürfen wir schon. Das haben ja sogar viele der Propheten getan, wenn es ihnen zu viel wurde.

Und Jesus? Warum sollte er sich nicht bei Gott beklagen? überlegte ich. Er sagte ja nicht: „Es gibt dich nicht, Gott.“ Er fragte: „Warum hast du mich verlassen?“ Er sprach weiterhin mit Gott, mit seinem Abba. Da Gott sein Vater war, war es doch eigentlich nur logisch, dass er auch jetzt mit ihm redete.

So weit war ich mit meinen Gedanken gekommen als neben mir jemand meinte: „Er betet.“

„Ja“, antwortete eine Frau, „er betet zu Gott. Er sagt Gott wie es ihm geht. Aber du kennst doch das Gebet, das ganze Gebet meine ich, den ganzen Psalm. Darin kommt ja noch mehr als dieser Satz vor. Darin steht, dass man Gott vertrauen kann, dass er zu einem hält, einem beisteht und einen nicht allein lässt – obwohl es manchmal so aussieht. Bestimmt meint Jesus auch das. Bestimmt meint er das ganze Gebet. Schließlich kennt er es gut. Er kann es nur nicht mehr ganz sprechen, weil er zu schwach ist.“

Die anderen nickten. Ja, das meinten sie auch. Und ich? Ich hatte wieder etwas Neues erfahren.

Dann war es soweit: Jesus war tot.

Wir merkten es daran, dass die Soldaten unruhig wurden. Schließlich nahm einer seine Lanze und stach Jesus in die Seite. Er wollte feststellen, ob Jesus wirklich tot war. Er war es. Er war bereits tot, obwohl es normalerweise viel länger dauert bis jemand stirbt, der gekreuzigt wurde. Manchmal hingen die Menschen sogar eine Woche am Kreuz bis sie endlich starben.

Die beiden anderen, die an ihren Kreuzen hingen, lebten auch noch. Weil aber der Abend kam und an diesem Abend das Passahfest begann, durften sie auch nicht länger am Kreuz bleiben. Darum sorgten die Soldaten dafür, dass sie schneller starben. Sie brachen ihnen die Beine.

Aber wie ging es nun mit Jesus weiter?

Das fragten sich auch die Frauen. „Was nun? Sie können Jesus doch nicht am Kreuz hängen lassen – schon gar nicht über Nacht.“