Ja, ich wollte nur allein sein, nichts sehen und nichts hören. War jetzt alles aus? War jetzt nicht alles zu Ende?

So blieb ich in meinem Quartier, den Rest des Tages, dann noch einen Tag und den dritten Morgen – es war bereist Sonntag oder – wie die Juden sagen, der erste Tag der Woche. Ich wartete nur darauf, dass das Flugzeug mich wieder abholen würde und fragte mich, wo es denn blieb.

Dann erinnerte ich mich wieder: Eigentlich war ja noch gar nicht alles zu Ende. War Jesus nicht von den Toten auferstanden?

Als mir dies endlich wieder in den Sinn kam, sprang ich auf. Wie konnte ich das nur vergessen! Schließlich wusste ich doch mehr als die Freunde von Jesus. Dass diese traurig waren und nicht wussten wie es weitergehen sollte, war ja verständlich. Aber ich! Ich wusste doch, dass Jesus auferstanden war! Hoffentlich kam ich nicht zu spät und hatte wieder etwas verpasst!

Aufgeregt lief ich deshalb zu seinem Grab – oder wollte es zumindest. Aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich es nicht wiederfand. Als er hineingelegt wurde, war ich einfach zu fertig gewesen und hatte darum nicht darauf geachtet, wo es sich befand. Ich war ja auch nur den Frauen gefolgt.

Deshalb eilte ich wieder in die Stadt. Dort wollte ich die Jünger suchen – oder die Frauen, die wie ich mich schwach erinnerte – als Erste am Grab von der Auferstehung erfuhren.

Unterwegs hörte ich immer wieder Leute reden: „Habt ihr gehört? Jesus ist nicht mehr in seinem Grab. Er soll von den Toten auferstanden sein.“

Ein anderer meinte: „Das ist bestimmt nur eine Erfindung seiner Jünger. Sicher haben sie ihn aus dem Grab geklaut und behaupten nur einfach, dass er lebt.“

„Nein“, sagte ein Dritter. „Das kann nicht sein. Schließlich haben Soldaten am Grab gewacht, damit genau das nicht passieren konnte. Sie haben gut aufgepasst, dass niemand den Toten stahl.“

Kopfschüttelnd gingen die Männer weiter.

Und ich? Ich war aufgeregt – noch aufgeregter als zuvor. Also war es geschehen!

Ob die Jünger es schon wussten? Bestimmt. Ganz allmählich erinnerte ich mich daran, dass Petrus und Johannes zum Grab gegangen waren als die Frauen davon berichtet hatten, dass Jesus lebt.

Also musste ich entweder einen der beiden oder die Frauen finden. Wenn ich schon die Auferstehung selbst verpasst hatte, wollte ich wenigstens aus erster Hand erfahren, was geschehen war.

Immer weiter lief ich durch die Stadt, suchte und suchte bis – ja bis ich endlich zwei der Frauen entdeckte. Es waren Maria von Magdala und eine der vielen anderen Marias. Ich zögerte und überlegte: „Kann ich sie wohl ansprechen?“

Sie standen nämlich in einem Hauseingang und sprachen lebhaft mit noch einer anderen Frau, die sich aber gerade verabschiedete. Als sie der Frau hinterherblickten, bemerkten sie mich und erkannten wohl an meinem Blick, dass ich gerne mit ihnen reden wollte. Freundlich lächelten sie mich an und nickten mir zu.

Da fasste ich mir ein Herz und ging zu ihnen. Ich erklärte ihnen, was ich gehört hatte und dass ich eine Art Geschichtsschreiber bin – mit dem Wort Reporter hätten sie sicher nichts anfangen können. Sofort unterbrachen sie mich: „Sie wollen bestimmt wissen, was heute geschehen ist. Wir erzählen es ihnen gerne! So gerne!“ Und dabei strahlten sie über das ganze Gesicht.

„Also“, begann eine der beiden – ich glaube, es war Maria von Magdala – „Als wir Jesus ins Grab legten, blieb ja keine Zeit mehr, ihn zu salben. Es war zu spät am Tag und der Sabbath und damit Pessach begannen.“

„Stimmt!“, ergänzte die andere Maria: „Aber Lust, Pessach zu feiern und den Sabbath zu begehen, hatte niemand von uns. Wir waren einfach zu traurig dazu. Jesus, unser Herr und Meister, unser Freund war tot.“

„Versteh uns, wir wussten einfach nicht, wie es nun mit uns weitergehen sollte. Er hatte doch alles zusammengehalten. Wir brauchten ihn doch!“

„Ja, ohne ihn waren wir verloren. Wir beschlossen nur noch, uns am Morgen des ersten Tages – also heute – ganz früh am Morgen zu treffen und zum Grab zu gehen.“

„Wir wollten Jesus nämlich salben – so wie es der Brauch bei uns ist.“

„Salben? Womit werden Tote denn gesalbt?“, wollte ich wissen.

„Mit wohlriechenden Ölen. Sie bestehen aus Olivenöl und verschiedenen Duftstoffen wie Myrrhe. oder Narde.“

„Ja, dieses Öl besorgten wir uns auf dem Weg. Dann gingen wir zum Grab.“

„Wir gingen ganz langsam, waren gebeugt und mussten immer wieder weinen.“

„Wir hatten gehört, dass Soldaten es bewachten und ein großer Stein davor lag. Sie wollten verhindern, dass wir den Leichnam von Jesus stehlen und dann behaupten würden, er würde leben.“

„Als ob wir das wollten! Als ob wir dazu die Kraft gehabt hätten! Jeder von uns war am Boden zerstört. Niemandem wäre eine solche Tat in den Sinn gekommen. Aber na ja, so sind die Mächtigen eben.“

„Deshalb überlegten wir, wie am besten vorgingen und wer uns den Stein wegwälzen würde.“ „Doch als wir dort ankamen, lagen die Soldaten wie tot auf dem Boden – voller Angst.“ „Und“, fiel wieder die andere Maria ihrer Freundin wieder ins Wort, „der Stein war weggewälzt.“

„Ja, das machte uns große Angst, wussten wir doch nicht, was geschehen war. Wir fragten uns, ob wir weitergehen sollten.“

„Wir taten es und gingen vorsichtig, ganz vorsichtig in das Grab hinein.“

„Wir erwarteten ja, dass dort Jesus in der Grabnische liegen würde. Aber er war nicht da. Nur die Tücher, in die er gewickelt worden war, lagen dort.“

„Zuerst dachten wir, jemand hätte den Leichnam wirklich gestohlen, aber dann entdeckten wir der rechten Seite einen jungen Mann in einem weißen Gewand, ein Engel.“

„Und dieser Engel sprach zu uns. Er sagte: „Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte.“ Aber natürlich erschraken wir doch.“

„Stimmt! Aber ganz schnell beruhigten wir uns wieder. Und dann gab uns der Engel den Auftrag, den Jüngern davon zu erzählen, was geschehen war.“

„Und so machten wir uns auf den Rückweg – voller Freude, aber auch noch unsicher: Konnte das, was wir gehört hatten, wirklich geschehen sein?“

„Unterwegs dann trafen wir einen Mann. Zuerst dachten wir, es sei der Gärtner. Als er uns aber ansprach, erkannten wir ihn: Es war Jesus! Wir warfen uns voller Freude vor ihm auf den Boden. Er aber gab uns noch einmal den Auftrag zu seinen Jüngern zu gehen und ihnen zu berichten.“

„Das taten wir natürlich.“

„Als wir bei ihnen ankamen, saßen sie alle zusammen. Sie trauerten so wie wir vor kurzem auch noch getrauert hatten. Dann berichteten wir, was wir erlebt hatten.“

„Sofort sprangen Petrus und Johannes auf und rannten hinaus und zum Grab. Als sie später zurückkamen, bestätigten sie, was wir schon wussten: Jesus lebt!“

„Ja, Jesus lebt! Ich könnte die ganze Welt umarmen! So glücklich bin ich!“

„Jetzt aber müssen wir weiter. Wir müssen allen seinen Freunden die frohe Botschaft erzählen: Jesus lebt! Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Damit wandten sich die Frauen, die sich bei ihrem Bericht immer wieder gegenseitig unterbrochen und abwechselnd atemlos erzählt hatten, ab und liefen weiter. Und ich? Ich bedauerte zwar, nicht dabei gewesen zu sein, aber ich freute mich auch – so sehr!

Dann überlegte ich mir, dass es auch schön wäre, die Jünger zu interviewen. Schließlich hatte ich ja gesehen wie es ihnen ging als Jesus gefangen wurde. Nun wollte ich auch ihre Freude erleben. Also machte ich mich auf den Weg sie zu suchen. – Ich hatte nämlich vergessen, die Frauen danach zu fragen, wo sie sich aufhielten. Das ärgerte mich zwar, war aber nicht zu ändern.