Der christliche Antijudaismus hat eine lange Geschichte, die teilweise bis heute in Bildern und Plastiken in Kirchen sichtbar ist. Wie sollen die Gemeinden damit umgehen?
Von Karl-Martin Flüter (entnommen aus: „geh mit“, Ausgabe 1/2026)
Die Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche in Nordrhein-Westfalen – unter ihnen die fünf (Erz-)Bischöfe aus dem Bundesland – fanden deutliche Worte. An vielen Stellen zeige sich in den Kirchen „eine alte, heute überholte“, aber dennoch „lange bestehende, erschreckende Judenfeindschaft“. Die Selbstkritik sparte auch die verhängnisvollen Konsequenzen nicht aus: „Wir werden uns zunehmend bewusst, dass der christliche Antijudaismus dem modernen Antisemitismus einen fruchtbaren Boden bereitet hat.“
So steht es im Vorwort der „Leitlinien zum Umgang mit antijüdischen Bildwerken in und an Kirchenräumen“, die die katholischen Erzbistümer und Bistümer und die evangelischen Kirchen in NRW im März 2025 veröffentlicht haben – eine „Sehhilfe“ zum Umgang mit antijüdischer Kunst in Kirchen.
Eine abwertende Bildsprache
Es geht um Bilder und Skulpturen, die eindeutig antijüdisch sind. „Sie zeigen eine abwertende Bildsprache, die Vorurteile über das Aussehen jüdischer Menschen wiedergibt“, sagt Benedikt Körner vom Erzbistum Paderborn, „fratzenartige Gesichter, Hakennasen, wulstige Lippen, gebeugte Gestalten. Der sogenannte Judenhut kennzeichnet sie als Mitglied der diskriminierten Gruppe.“
Benedikt Körner ist im Erzbistum Paderborn zuständig für den interreligiösen Dialog. Er war an der Ausarbeitung der Leitlinien zum Umgang mit antijüdischen Bildwerken beteiligt und begutachtet Kunstwerke in Kirchen, die in den Verdacht geraten sind, antijüdische Vorurteile zu transportieren.
Derartige Darstellungen finden sich, mehr oder weniger deutlich, in mindestens 37 Kirchen in NRW. So heißt es auf „spuren-sichtbar-machen.de“. Der Paderborner Dom ist darunter, aber auch Dorfkirchen wie St. Agatha in Brakel-Siddessen.
Wie mit dem belasteten Thema umgehen?
Kirchen waren und sind immer noch Mittelpunkte in Städten und Dörfern. Die Menschen identifizierten sich mit diesen Gebäuden, die für Erfahrungen außerhalb des Alltags stehen, für Jenseitigkeit, Sinnvermittlung und Gemeinschaft. Dass diese Orte in vielen Fällen von einem oft subtilen, manchmal aber auch drastischen Antijudaismus geprägt sein sollen, ist eine ernüchternde Nachricht.
Es stellen sich Fragen nach der Wirkung der unterschwelligen antijüdischen Propaganda. Wie hat sie die Kirchgänger beeinflusst?

Benedikt Körner studierte katholische Theologie und Islamische Studien. Im Erzbistum Paderborn ist er für den interreligiösen Dialog zuständig.
Weil es keine einfachen Antworten auf diese Frage gibt, schlagen die Leitlinien der Kirchen einen „besonnenen“ Umgang mit dem Thema vor. Es müsse ein Bewusstsein in den Kirchengemeinden geschaffen werden, meint auch Benedikt Körner. Die Mitglieder der Gemeinden sollten in Entscheidungen eingebunden werden, mit denen auf die Entdeckung antijüdischer Kunst reagiert wird.
Konkret könnten Skulpturen, Plastiken und Bilder aus den Kirchen entfernt werden. Andere Formen des Umgangs mit den Darstellungen sind „Sichtstörungen“, also die Unterbrechung des direkten Blicks auf das Objekt, oder eine zeitweilige Verhüllung. Generell sollten die betreffenden Kunstwerke und ihre antijüdische Haltung erläutert werden. Die Maßnahmen ersetzen nicht die Auseinandersetzung mit den problematischen Werken. Das führt auch zu einer Aufklärung über die Ursachen.
Überlegenheitsgefühl und Ausschließlichkeitsanspruch
„Die Wurzeln gehen zurück bis in die Frühgeschichte des Christentums“, beschreibt Benedikt Körner die Anfänge des Antijudaismus. Jesus und die ersten Mitglieder der frühen Kirche waren Juden und verstanden sich auch als Juden. Erst mit der Öffnung für nicht-jüdische Menschen in die Gemeinden der Jesusjünger kam eine wachsende Feindschaft mit der jüdischen Glaubens- und Lebenswelt auf.
Einen Höhepunkt erreichte die Diskriminierung und Verfolgung der Juden im Mittelalter, als in vielen Städten Europas blutige Pogrome stattfanden. Die Juden, so die christliche Mehrheit, hätten Brunnen vergiftet und die Pest verursacht. „Der zentrale Vorwurf war der des Gottesmordes“, sagt Benedikt Körner. Jüdinnen und Juden galten als von Gott verworfen, da ihr Volk die Schuld am Tod des Gottessohnes Jesus tragen würde.
Eine reale Grundlage hatten diese Unterstellungen und Verschwörungserzählungen nicht, das betont Benedikt Körner. Es habe sich auch um „gruppendynamische Prozesse“ gehandelt: Selbstfindung durch die Abwertung einer anderen Gruppe.
Die neue Gemeinschaft der Christen stand für einen verhängnisvollen Ausschließlichkeitsanspruch und ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den Juden. Die Religion des Alten Testaments galt als überholte Stufe der Offenbarung.
Erst das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) beendete offiziell die antijüdische Grundhaltung der Kirche. Die Neuausrichtung war spätestens nach der Shoah unabdingbar geworden. Der Völkermord der Nationalsozialisten war die unermessliche Steigerung der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der Juden.
Aufklärung über antijüdische Kunst sensibilisiert uns
Kunstobjekte sind immer zeitabhängig. Sie müssen unter den Bedingungen, unter denen sie entstanden sind, verstanden werden. Das Mittelalter ist weit entfernt. Darauf verweist auch Benedikt Körner: „Wir sind davon überzeugt, dass niemand mehr den Juden vorwerfen würde, sie seien für die Pest verantwortlich, wie es damals geschehen ist.“
Andererseits verfiel die damals schon moderne deutsche Industriegesellschaft vor weniger als 100 Jahren einem Judenhass, der zum Tod von mindestens sechs Millionen Menschen führte. Wir leben in einer Gegenwart, in der „viele Menschen für menschenfeindliches Gedankengut ansprechbar sind“, wie es in den Leitlinien heißt. Verschwörungstheorien, Fake-News und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit beherrschen die Gesellschaft wie seit 1945 nicht mehr. Der Antisemitismus ist wieder virulent.
Dagegen hilft vor allem Aufklärung, betont Benedikt Körner: „Es ist wichtig, die Ursachen für antisemitische und antijudaistische Verhaltensweisen zu verstehen, um sie in Zukunft zu vermeiden.“
Antisemitismus und Antijudaismus
Der Begriff Antisemitismus steht für die vorurteilsbeladene Ablehnung jüdischer Menschen.
Seit dem 19. Jahrhundert gewann ein biologisch definierter, rassistischer und völkischer Antisemitismus an Einfluss, der bis zum nationalsozialistischen Holocaust führte. Rassisten bezogen sich auf die Evolutionstheorie von Charles Darwin und dessen Satz „Survival of the fittest“. Im Gegensatz zu Darwin, der sich auf die Tier- und Pflanzenwelt begrenzt hatte, übertragen rassistische Sozialdarwinisten die Theorie von der natürlichen Auslese auf die Gesellschaft. Danach ist der soziale Kampf zwischen „Rassen“ ein Naturgesetz. Der Hass auf Menschen anderer Rassen wird absolut.
Heute besteht der wissenschaftliche Konsens, dass der Begriff „Rasse“ ein kulturelles Konstrukt ist, das soziale und politische Ausgrenzung und Verfolgung mit angeblich wissenschaftlichen Argumenten zu rechtfertigen versucht.
Der Antijudaismus ist eine Unterform des Antisemitismus. Gemeint ist die christlich-theologisch begründete Ablehnung und Abwertung des Judentums, etwa als Konsequenz des Vorwurfs vom „Gottesmord“. Antijudaistischer Verfolgung konnten Juden (nicht immer) durch Konversion zum Christentum entgehen.
Der „Blutfluch“
Auf die Selbstentlastung des römischen Statthalters Pilatus, nicht schuldig am Tod Jesu zu sein, folgt im Matthäus-Evangelium die Selbstbelastung der Volksmenge: „Und das ganze Volk antwortete und sprach: ‚Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!‘“ (Mt 27,25).
Dieser Satz – der als „Blutfluch“ bezeichnet wird – hatte über zwei Jahrtausende katastrophale Folgen. Er prägte die christliche Volksfrömmigkeit und war seit dem 4. Jahrhundert Ursache für die Ausgrenzung und blutige Verfolgung jüdischer Gemeinden im christianisierten Europa. Die Pogrome wurden häufig als Erfüllung des „Fluchs“ aus dem Neuen Testament ausgegeben.